8. Seniorenheime, Umfrage und Auswertung

 

Das im Abschnitt 3., Kinder und Tiere, Gezeigte trifft natürlich nicht nur für Kinder sondern auch für Erwachsene zu. Besonders interessant ist der Einsatz von Tieren in der Arbeit mit Senioren. Viele der heute in Seniorenwohnheim lebenden Menschen sind mit Tieren aufgewachsen, die Eltern haben oft noch eine Landwirtschaft gehabt, so dass oft noch ein intensiver Bezug zu Tieren und viele Kindheitserinnerungen an Tiere vorhanden sind. Im Seniorenheim sind alte Menschen häufig sozial isoliert. Die ganz normalen menschlichen Bedürfnisse nach Nähe, Wärme und Zärtlichkeit werden oft nicht mehr wahrgenommen, sind teilweise sogar verpönt.

 

Von der Organisation Doc Dogs wurden die Effekte speziell von Hunden und ihre verschiedenen Einsatzmöglichkeiten zusammengestellt: Hunde motivieren dazu, Beziehungen einzugehen, Vertrauen aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen. Über das Lösen von körperlichen und seelischen Verspannungen und eine Zuwendung ohne Vorbedingungen können Ängste und Depressionen abgebaut werden. Kommunikation, Teamfähigkeit, gegenseitige Rücksichtnahme und Selbständigkeit werden gefördert unabhängig von Alter des Klienten. Im Seniorenheim werden Vereinsamung und sozialer Rückzug gelindert, Bedürfnisse nach Wärme und Zuneigung erfüllt und bei Krankheiten die Genesung gefördert. Wie bei Kontakten mit anderen Tieren konnten folgende Effekte zur Verbesserung der bio-psycho-sozialen Befindlichkeit wissenschaftlich gesichert werden:

 

körperlich        Blutdrucksenkung, Stabilisierung des Kreislaufs

                        Muskelentspannung, Reduktion von Spastik, Muskelaufbau

                        Besserung des Gleichgewichts

                        Reduzierung von Übergewicht

                        Ersatz gestörter Sinnes- oder motorischer Funktionen

psychisch         Förderung eines positiven Selbstbildes

                        Verbesserung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein

                        antidepressive und antisuizidale Wirkungen

sozial               Aufbau regelmäßiger Tagesstrukturen

                        verbesserte soziale Handlungskompetenz

                        Steigerung von Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen

                        Förderung der Motivation

 

Der Kontakt mit Tieren im Seniorenheim regt eine körperliche und seelische Aktivität an, allein schon durch die Kontaktaufnahme zum Tier. Alte Erinnerungen, die ja bei einer Demenz oft am längsten erhalten bleiben, können wieder angeregt werden, an frühere Fertigkeiten kann angeknüpft werden. Über das gemeinsame Beobachten der Tiere und das gemeinsame Erleben ergeben sich neue Gesprächsthemen und neue Beziehungen, sowohl der Bewohner untereinander als auch mit dem pflegenden Personal. Insgesamt können die Tage und Wochen durch regelmäßige Tierbesuche besser strukturiert werden. Rein somatisch wird die Entspannung, unter anderem durch die Ausschüttung von Oxytocin, durch das Streicheln und Betrachten der Tiere gefördert. Über die Entspannung aber auch über die andere Aktivierung werden die Bewohner von Krankheit, Schmerzen und seelischem Leid abgelenkt.

Fragestellung: Angesichts dieser positiven und Effekte von Tieren auf ältere Menschen und auch ausgehend von eigenen Erfahrungen, wie sehr eine psychiatrische Visite im Seniorenheim durch einen begleitenden Hund aufgelockert werden kann, interessierte uns die Frage, ob es entsprechendes Aktivitäten in den Seniorenheimen im Landkreis Gotha gibt bzw. ob daran Interesse besteht. Da es sich um eine im Vergleich zu medikamentösen oder stationären Therapien relativ preiswerte Behandlungsform handelt, die zudem für die Teilnehmenden sehr attraktiv ist und wenige Nebenwirkungen hat, erwarteten wir, dass Tiere in großem Rahmen eingesetzt werden. Weil aber der Einsatz von Tieren mit einem gewissen Aufwand verbunden ist und in Institutionen oft viele Auflagen zu beachten sind, nahmen wir außerdem an, dass nur professionelle Anbieter, die eine entsprechende Ausbildung und Unbedenklichkeitsbescheinigungen vorweisen können, zugelassen werden.

 

Material und Methoden: Zu diesem Zweck haben wir an sämtliche Seniorenheime des Landkreises Gotha den im Anhang eingefügten Fragebogen verschickt.

 

Ergebnisse: Es wurden 15 Heime angeschrieben, geantwortet haben 14 Heime. Von zwei Heimen kam die Antwort, dass sie jeweils ein Heimtier, einen Hund bzw. eine Katze, dauerhaft in der Einrichtung leben hätten. Ein Heim berichtete über einen privaten Besuchshund, der regelmäßig zum Streicheln komme. Das vierte hat nach eigenen Angaben sowohl eine eigene Katze, die sich im Heim frei bewegen und auch in die Betten der Bewohner legen dürfe, und über einen Besuchshund aus dem Tierheim, der in unregelmäßigen Abständen komme. Über spezielle Betreuungspersonen wurde bis auf den Fall mit dem privaten Besuchshund nicht berichtet. Vielmehr schien es zumindest bei den beiden Katzen so, als ob die Tiere sich das Heim als Zuhause ausgesucht und den Betreiber einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hätten. Diese vier Heime waren zu weiteren Angaben nicht bereit.

 

Zehn Fragebögen wurden komplett ausgefüllt. In der Hälfte dieser Heime gibt es gar keine Tiere. Zwei Heime lassen private Tiere zu, in  insgesamt vier Heimen gibt es Stationstiere. Nur eine einzige Einrichtung kooperiert mit einem Besuchsdienst, einer privaten Hundeschule. Ein weiteres Heim hat Kontakt zu einer Privatperson, die regelmäßig mit einem Hund zum Streicheln kommt. Ein professioneller Besuchsdienst wurde von keinem Heim angegeben.

 

Es bestand von keinem Heim Interesse, mehr Tiere dauerhaft in der Einrichtung leben zu lassen, weder als private noch als Stationstiere. Sämtliche Einrichtungen zeigten jedoch zum Teil sehr reges Interesse an einem professionellen Besuchsdienst.

 

Bei der Auswahl der bevorzugten Tiere stand der Hund mit sieben Nennungen eindeutig an erster Stelle, Kleintiere folgten mit fünf Nennungen an zweiter Stelle. Eine Katze wurde zweimal gewünscht, ein Schaf einmal. Drei Heimen im ländlichen Bereich mit großem Innenhof bzw. großem Garten war die Art der besuchenden Tiere gleichgültig.

 

Auf die Frage nach Gründen, die gegen den Einsatz von Tieren sprechen könnten, antworteten sechs Einrichtungen,  es gebe keine Gegenargumente. Wesentliche Sorgen waren die Möglichkeit von Infektionen, dreimal genannt, und die Frage nach der Versicherung zweimal

genannt. Je einmal wurden die Sicherstellung der Hygiene und der Schutz der Bewohner vor Verletzungen angeführt.

 

Für einen Kontakt mit Tieren sprechen aus Sicht der Einrichtungen ganz klar Vorteile für die Bewohner. Je neunmal wurden genannt Aktivierung, Anregung von Erinnerungen und Entspannung, achtmal Förderung der Kommunikation und Ablenkung von Krankheit, siebenmal Strukturierung des Tagesablaufes und allgemeine Verbesserung der Lebensqualität. Ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Einrichtungen war in der Hälfte der Fälle ein Argument für einen Besuchsdienst, eine Kostenersparnis gegenüber eigenen Tieren in 40%.

 

Eine grafische Darstellung aller Ergebnisse findet sich im Anhang.

 

Diskussion: Die positiven Effekte von Tieren auf alte Menschen sind nach unserer Umfrage in den Seniorenheimen offensichtlich sehr bekannt. Immerhin die Hälfte der befragten Einrichtungen bietet ihren Bewohnern die Möglichkeit eines Tierkontakts, nimmt man die Heime mit nicht vollständig ausgefüllten Fragebögen hinzu, sind es sogar 64%.

 

Andererseits war sehr eindeutig, dass eine Ausweitung des eigenen Angebots an tiergestützten Aktivitäten für die Heime nicht in Frage kommt. Nach den Ursachen haben wir nicht gefragt, es lässt sich aber spekulieren, dass diese am ehesten in dem hohen Personal- und damit Kostenaufwand liegen, der mit einer eigenen Tierhaltung verbunden ist. In den hiesigen Seniorenheimen besteht momentan ein großer Rationalisierungsdruck. Zur Kostendämpfung wird versucht, möglichst viel Personal einzusparen bzw. durch weniger qualifizierte und damit billigere Kräfte zu ersetzen. Da würde die Notwendigkeit, eigene Tiere rund um die Uhr zu betreuen, in entgegengesetzter Richtung laufen.

 

Überrascht hat uns, dass momentan tiergestützte Aktivitäten in unserer Umgebung vollkommen privat aufgrund von Eigeninitiative ablaufen. Allenfalls kann man bei der Hundeschule von professionell ausgebildeten Tieren sprechen, die aber wahrscheinlich im Wesentlichen auf Gehorsam und nicht unbedingt speziell auf Tierbesuche trainiert sind. Woran dies liegt, bleibt offen. Es gibt im Landkreis Gotha verschiedene Hundeschulen und Tiertrainer, eine Tierhaltung ist in diesem ländlichen Gebiet noch sehr verbreitet. An einem Mangel von Tieren kann es also eigentlich nicht liegen, wahrscheinlich eher an einem Mangel professioneller Anbieter.

 

Ein sehr reges Interesse an einem Besuchsdienst wurde zu gleichen Teilen von Einrichtung mit, wie Einrichtungen ohne eigene Tiere bekundet. Wirtschaftliche Interessen standen eher im Hintergrund. Es scheint also insgesamt so zu sein, dass in allgemeinen Bewusstsein durchaus angekommen ist, dass Tiere einen positiven, heilsamen Einfluss haben können, dass aber noch Unsicherheiten bestehen, wie ein Kontakt mit Tieren am sinnvollsten und effektivsten zu realisieren wäre.

 

Als Nebenbefund regt das Verhalten der beiden Katzen, die sich ein Seniorenheim als eigenes Heim ausgesucht haben, zum Nachdenken an. Geht man doch davon aus, dass Katzen eher Einzelgänger mit einem geringeren Bedürfnis nach engen menschlichen Kontakten sind und nur das tun, was sie selbst wollen. Trotzdem scheinen diese beiden bewusst sich ihre Aufgabe ausgesucht zu haben und damit zufrieden zu sein. Negatives Verhalten der Katzen wurde von

den Heimen jedenfalls nicht beschrieben. Es gibt also Tiere, denen die Arbeit mit Menschen so viel Freude macht, dass sie sich ihr bewusst unterziehen, obwohl sie auch anders leben könnten. Für die eigene Arbeit bedeutet dies: Für die geeigneten Tiere ist der Einsatz bei entsprechender Vorbereitung nicht nur Arbeit sondern auch angenehme Abwechselung im Alltag.

 

Die Durchführung eines Tierbesuchsdiensts mit einer gemischten Tiergruppe ist unter Punkt 6. beschrieben.