Das
im Abschnitt 3., Kinder und Tiere, Gezeigte trifft natürlich nicht nur für
Kinder sondern auch für Erwachsene zu. Besonders interessant ist der Einsatz
von Tieren in der Arbeit mit Senioren. Viele der heute in Seniorenwohnheim
lebenden Menschen sind mit Tieren aufgewachsen, die Eltern haben oft noch eine
Landwirtschaft gehabt, so dass oft noch ein intensiver Bezug zu Tieren und viele
Kindheitserinnerungen an Tiere vorhanden sind. Im Seniorenheim sind alte
Menschen häufig sozial isoliert. Die ganz normalen menschlichen Bedürfnisse
nach Nähe, Wärme und Zärtlichkeit werden oft nicht mehr wahrgenommen, sind
teilweise sogar verpönt.
Von
der Organisation Doc Dogs wurden die Effekte speziell von Hunden und ihre
verschiedenen Einsatzmöglichkeiten zusammengestellt: Hunde motivieren dazu,
Beziehungen einzugehen, Vertrauen aufzubauen und Verantwortung zu übernehmen.
Über das Lösen von körperlichen und seelischen Verspannungen und eine
Zuwendung ohne Vorbedingungen können Ängste und Depressionen abgebaut werden.
Kommunikation, Teamfähigkeit, gegenseitige Rücksichtnahme und Selbständigkeit
werden gefördert unabhängig von Alter des Klienten. Im Seniorenheim werden
Vereinsamung und sozialer Rückzug gelindert, Bedürfnisse nach Wärme und
Zuneigung erfüllt und bei Krankheiten die Genesung gefördert. Wie bei
Kontakten mit anderen Tieren konnten folgende Effekte zur Verbesserung der
bio-psycho-sozialen Befindlichkeit wissenschaftlich gesichert werden:
körperlich
Blutdrucksenkung, Stabilisierung des Kreislaufs
Muskelentspannung, Reduktion von Spastik, Muskelaufbau
Besserung des Gleichgewichts
Reduzierung von Übergewicht
Ersatz gestörter Sinnes- oder motorischer Funktionen
psychisch
Förderung eines positiven Selbstbildes
Verbesserung von Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein
antidepressive und antisuizidale Wirkungen
sozial
Aufbau regelmäßiger Tagesstrukturen
verbesserte soziale Handlungskompetenz
Steigerung von Verantwortungsbewusstsein und Einfühlungsvermögen
Förderung der Motivation
Der
Kontakt mit Tieren im Seniorenheim regt eine körperliche und seelische Aktivität
an, allein schon durch die Kontaktaufnahme zum Tier. Alte Erinnerungen, die ja
bei einer Demenz oft am längsten erhalten bleiben, können wieder angeregt
werden, an frühere Fertigkeiten kann angeknüpft werden. Über das gemeinsame
Beobachten der Tiere und das gemeinsame Erleben ergeben sich neue Gesprächsthemen
und neue Beziehungen, sowohl der Bewohner untereinander als auch mit dem
pflegenden Personal. Insgesamt können die Tage und Wochen durch regelmäßige
Tierbesuche besser strukturiert werden. Rein somatisch wird die Entspannung,
unter anderem durch die Ausschüttung von Oxytocin, durch das Streicheln und
Betrachten der Tiere gefördert. Über die Entspannung aber auch über die
andere Aktivierung werden die Bewohner von Krankheit, Schmerzen und seelischem
Leid abgelenkt.
Ergebnisse: Es wurden 15 Heime angeschrieben, geantwortet haben 14 Heime. Von zwei Heimen kam die Antwort, dass sie jeweils ein Heimtier, einen Hund bzw. eine Katze, dauerhaft in der Einrichtung leben hätten. Ein Heim berichtete über einen privaten Besuchshund, der regelmäßig zum Streicheln komme. Das vierte hat nach eigenen Angaben sowohl eine eigene Katze, die sich im Heim frei bewegen und auch in die Betten der Bewohner legen dürfe, und über einen Besuchshund aus dem Tierheim, der in unregelmäßigen Abständen komme. Über spezielle Betreuungspersonen wurde bis auf den Fall mit dem privaten Besuchshund nicht berichtet. Vielmehr schien es zumindest bei den beiden Katzen so, als ob die Tiere sich das Heim als Zuhause ausgesucht und den Betreiber einfach vor vollendete Tatsachen gestellt hätten. Diese vier Heime waren zu weiteren Angaben nicht bereit.
Zehn Fragebögen wurden komplett ausgefüllt. In der Hälfte dieser Heime gibt es gar keine Tiere. Zwei Heime lassen private Tiere zu, in insgesamt vier Heimen gibt es Stationstiere. Nur eine einzige Einrichtung kooperiert mit einem Besuchsdienst, einer privaten Hundeschule. Ein weiteres Heim hat Kontakt zu einer Privatperson, die regelmäßig mit einem Hund zum Streicheln kommt. Ein professioneller Besuchsdienst wurde von keinem Heim angegeben.
Es bestand von keinem Heim Interesse, mehr Tiere dauerhaft in der Einrichtung leben zu lassen, weder als private noch als Stationstiere. Sämtliche Einrichtungen zeigten jedoch zum Teil sehr reges Interesse an einem professionellen Besuchsdienst.
Bei
der Auswahl der bevorzugten Tiere stand der Hund mit sieben Nennungen eindeutig
an erster Stelle, Kleintiere folgten mit fünf Nennungen an zweiter Stelle. Eine
Katze wurde zweimal gewünscht, ein Schaf einmal. Drei Heimen im ländlichen
Bereich mit großem Innenhof bzw. großem Garten war die Art der besuchenden
Tiere gleichgültig.
Auf
die Frage nach Gründen, die gegen den Einsatz von Tieren sprechen könnten,
antworteten sechs Einrichtungen, es
gebe keine Gegenargumente. Wesentliche Sorgen waren die Möglichkeit von
Infektionen, dreimal genannt, und die Frage nach der Versicherung zweimal
genannt.
Je einmal wurden die Sicherstellung der Hygiene und der Schutz der Bewohner vor
Verletzungen angeführt.
Für
einen Kontakt mit Tieren sprechen aus Sicht der Einrichtungen ganz klar Vorteile
für die Bewohner. Je neunmal wurden genannt Aktivierung, Anregung von
Erinnerungen und Entspannung, achtmal Förderung der Kommunikation und Ablenkung
von Krankheit, siebenmal Strukturierung des Tagesablaufes und allgemeine
Verbesserung der Lebensqualität. Ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen
Einrichtungen war in der Hälfte der Fälle ein Argument für einen
Besuchsdienst, eine Kostenersparnis gegenüber eigenen Tieren in 40%.
Eine
grafische Darstellung aller Ergebnisse findet sich im Anhang.
Diskussion:
Die positiven Effekte von Tieren auf alte Menschen sind nach unserer Umfrage in
den Seniorenheimen offensichtlich sehr bekannt. Immerhin die Hälfte der
befragten Einrichtungen bietet ihren Bewohnern die Möglichkeit eines
Tierkontakts, nimmt man die Heime mit nicht vollständig ausgefüllten Fragebögen
hinzu, sind es sogar 64%.
Andererseits
war sehr eindeutig, dass eine Ausweitung des eigenen Angebots an tiergestützten
Aktivitäten für die Heime nicht in Frage kommt. Nach den Ursachen haben wir
nicht gefragt, es lässt sich aber spekulieren, dass diese am ehesten in dem
hohen Personal- und damit Kostenaufwand liegen, der mit einer eigenen
Tierhaltung verbunden ist. In den hiesigen Seniorenheimen besteht momentan ein
großer Rationalisierungsdruck. Zur Kostendämpfung wird versucht, möglichst
viel Personal einzusparen bzw. durch weniger qualifizierte und damit billigere
Kräfte zu ersetzen. Da würde die Notwendigkeit, eigene Tiere rund um die Uhr
zu betreuen, in entgegengesetzter Richtung laufen.
Überrascht
hat uns, dass momentan tiergestützte Aktivitäten in unserer Umgebung
vollkommen privat aufgrund von Eigeninitiative ablaufen. Allenfalls kann man bei
der Hundeschule von professionell ausgebildeten Tieren sprechen, die aber
wahrscheinlich im Wesentlichen auf Gehorsam und nicht unbedingt speziell auf
Tierbesuche trainiert sind. Woran dies liegt, bleibt offen. Es gibt im Landkreis
Gotha verschiedene Hundeschulen und Tiertrainer, eine Tierhaltung ist in diesem
ländlichen Gebiet noch sehr verbreitet. An einem Mangel von Tieren kann es also
eigentlich nicht liegen, wahrscheinlich eher an einem Mangel professioneller
Anbieter.
Ein
sehr reges Interesse an einem Besuchsdienst wurde zu gleichen Teilen von
Einrichtung mit, wie Einrichtungen ohne eigene Tiere bekundet. Wirtschaftliche
Interessen standen eher im Hintergrund. Es scheint also insgesamt so zu sein,
dass in allgemeinen Bewusstsein durchaus angekommen ist, dass Tiere einen
positiven, heilsamen Einfluss haben können, dass aber noch Unsicherheiten
bestehen, wie ein Kontakt mit Tieren am sinnvollsten und effektivsten zu
realisieren wäre.
Als
Nebenbefund regt das Verhalten der beiden Katzen, die sich ein Seniorenheim als
eigenes Heim ausgesucht haben, zum Nachdenken an. Geht man doch davon aus, dass
Katzen eher Einzelgänger mit einem geringeren Bedürfnis nach engen
menschlichen Kontakten sind und nur das tun, was sie selbst wollen. Trotzdem
scheinen diese beiden bewusst sich ihre Aufgabe ausgesucht zu haben und damit
zufrieden zu sein. Negatives Verhalten der Katzen wurde von
den
Heimen jedenfalls nicht beschrieben. Es gibt also Tiere, denen die Arbeit mit
Menschen so viel Freude macht, dass sie sich ihr bewusst unterziehen, obwohl sie
auch anders leben könnten. Für die eigene Arbeit bedeutet dies: Für die
geeigneten Tiere ist der Einsatz bei entsprechender Vorbereitung nicht nur
Arbeit sondern auch angenehme Abwechselung im Alltag.
Die
Durchführung eines Tierbesuchsdiensts mit einer gemischten Tiergruppe ist unter
Punkt 6. beschrieben.